Bei einer Massenpanik während der Loveparade in Duisburg kamen gestern, am 24. Juli 2010, 19 Menschen ums Leben. Am Tag danach meldet sich auch Eva Herman zu dieser Tragödie zu Wort. Die ehemalige “Tagesschau”-Sprecherin feierte jüngst ihr Comeback als Moderation der “KOPP Nachrichten”, einer Art “Nachrichtensendung” des rechtskonservativen und verschwörungstheoretischen KOPP Verlages.
In dem auf den Seiten des Verlages veröffentlichten Textes mit dem entlarvenden Titel “Sex- und Drogenorgie Loveparade: Zahlreiche Tote bei Sodom und Gomorrha in Duisburg” (Screenshot)1 suggeriert Herman nun, dass das Unglück quasi Gottes Strafe für diese “riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie” gewesen sei:
[...] das amtliche Ende der »geilsten Party der Welt«, der Loveparade, dürfte mit dem gestrigen Tag besiegelt worden sein! Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.
Dabei stehe Loveparade “symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht”. Für diesen Absturz – und damit auch für die 19 Toten – seien letztlich die 68er verantwortlich:
Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtundsechziger, die die Gesellschaft »befreit« haben von allen Zwängen und Regeln, welche das »Individuum doch nur einengen«. Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsrnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!
Mit solchen hanebüchen, zynischen und teils auch bigotten Aussagen2 dürfte Herman sich hoffentlich endgültig ins Abseits befördert haben. Ein Abseits wofür sie wahrscheinlich, ganz den irrationalen Welterklärungsmustern von Verschwörungstheoretikern folgende, ein angebliches Kritikverbot verantwortlichen machen wird. Schließlich sei Kritik an der Loveparade “auch schon in den letzten Jahren politisch unkorrekt” gewesen. Eine Aussage die haltlos ist. Wieso musste die Loveparade etwa von Berlin in das Ruhrgebiet umziehen – wegen fehlender Kritik sicher nicht.
- Bei Twitpic gibt es einen Screenshot einer früheren Version des Artikels, bei dem andere Bilder verwendet wurden – u.a. ein Bild von zwei sich küssenden Frauen, was wohl die moralische Verfallenheit illustrieren soll. ↩
- Nicht zu schweigen von den sprachlichen Blüten im Artikel. Was soll etwa ein “verglastem Zustand” sein? ↩
Internet
“Geschlechterkrieg im Internet?”
Hinter dem etwas reißerischen Titel verbirgt sich ein interessanter Artikel von Alexandra Eul & Chantal Louis über Sexismus und Feminismus im WWW.
“Kontrollverlust im Blogger-Dorf”
Unter diesem Titel schreibt Elke Wittich in der Jungle World über die Schließung des Blogs “CTRL-Verlust” seitens der FAZ. Die Zeitung hatte das bei ihr gehostete Blog nach eigenen Aussagen gesperrt, weil dessen – von der FAZ bezahlter – Autor mspr0 aka Michael Seemann wiederholt Bilder entgegen ihrer Creative Commons Lizenz verwendete. Wittich lässt kein gutes Haar an den sog. deutschen A-Bloggern, u.a. an Marius Sixtus, der die Sperrung auf Twitter als Bücherverbrennung titulierte und auf Kritik an dieser Gleichsetzung auch nicht gerade intelligent reagierte. Ihr Fazit zur Causa “CTRL-Verlust”:
Während man im wirklichen Leben spätestens an diesem Punkt schleunigst mit seinem Arbeitgeber – die FAZ bezahlt ihre Blogger dem Vernehmen nach sehr gut – ein klärendes Gespräch suchen würde, trug Seemann seine Sicht der Dinge via Privatblog gleich in die Öffentlichkeit. Oder jedenfalls in das, was manche Blogger dafür halten, nämlich Twitter und das ganze Social-media-Gedöhns. Die Überschätzung der Wirkung von Hashtags & Co. im Real life hatte sich kurz zuvor gezeigt, als man auf der Webseite piratenstatistiken.de vor der Wahl in den Niederlanden ganz sicher war, dass die holländischen Kollegen ins Parlament einziehen würden, schließlich sei deren Twitter-Account der sechstgrößte aller internationalen Freibeuter-Parteien und liege laut Umfrage auf twopcharts.com bei mehr als 25 Prozent – am Ende erhielt die Piratenpartij 10 413 Stimmen beziehungsweise 0,12 Prozent.
Insgesamt ein guter Artikel, wenn auch leider etwas einseitig. Die Verachtung vieler Blogger für die “Holzmedien” ist ja nicht unbedingt völlig grundlos entstanden – erinnert sei nur an den unsäglichen “Web 0.0″ Artikel der Süddeutschen Zeitung.
“Bloggen ist unendlich”
Parallel zu Wittichs Artikel veröffentlichte die Jungle World außerdem ein Interview mit Christian Sickendieck, der bei F!XMBR bloggt. Das Interview ist recht kurz und gut zu lesen. Zumal Sickendieck bei seiner Sicht auf die (deutsche) Blogosphäre weitestgehend recht zu geben ist.
Politik
“Direkte Demokratie als Hamburger Klassenkampf von oben”
Angesichts des Ausgangs des Hamburger Volksentscheids über die Einführung der Primarschule, scheint nun endlich auch größeren Teilen der Linken aufzugehen, dass plebiszitäre Entscheidungsformen nicht per se zu progressiven Ergebnissen führen müssen. Nun, da hätte man auch früher schon drauf kommen können. Auch würde ich bezweifeln, dass das Ergebnis anders ausgefallen wäre, wenn in Hamburg lebende Ausländer stimmberechtigt gewesen wären, wie nbo nahelegt. Gleiches gilt für das, vom Autor ausgemachte, Fehlen eines politischen Diskurs. Hier verkennt er schlicht, dass selbst wenn es einen entsprechenden “richtigen” Diskurs gegeben hätte, es trotzdem zu reaktionären Ergebnissen kommen an. Wer sich darüberhinaus für die wirklichen Ziele der Schulreformgegener interessiert, dem sei ein Blick auf diesen Bericht von Panorama empfohlen – mit einem Wort zusammengefasst: Besitzstandswahrung.
“Privatisierte Autobahnen – Deutschlands gefährlichste Straße”
Roland Kirbach berichtet auf Zeit Online über die Privatisierung deutscher Autobahnen – und ihre fatalen Folgen für den Bürger. Eine weitere Episode in der scheinbar unendlichen Tragödie namens Public Private Partnership.
“Verfassungsschutz bekommt Recht – Ramelow darf ausspioniert werden”
Das Bundesverwaltungsgericht erlaubt es dem Verfassungsschutz die Linke weiter zu beobachten. Auch um einen geschmacklosen Vergleich der Linkspartei mit der NSDAP kam das Gericht in seiner Urteilsbegründung wohl nicht umher. Highlight der Begründung laut Frankfurter Rundschau ist sicher folgender Satz:
Anhaltspunkte für die Gefährlichkeit der Linken gebe es auch aus jüngster Zeit, etwa die “absolute Aversion” der Partei, Joachim Gauck zum Bundespräsidenten zu wählen.
Hiermit oute ich mich als Fan von Sherlock Holmes. Entsprechend wenig verwunderlich dürfte es sein, dass ich mich über die Ankündigung der BBC eine neue Serie rund um den Londoner Detektiv zu produzieren ziemlich gefreut habe. Inzwischen steht fest, dass die erste Folge der kurzum Sherlock getauften Serie am kommenden Sonntag (25. Juli) ausgestrahlt wird. Außerdem gibt es inzwischen online einen Trailer zu sehen:
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The new Vatican document also listed the attempted ordination of a woman as a “grave crime” to be handled by the Vatican’s Congregation for the Doctrine of the Faith, just as sex abuse is. (BBC News)
Noch Fragen?
An dieser Stelle mal wieder ein kleiner Hinweis auf ein gutes Radiofeature. Unter dem Titel “Duce, Duce, Duce! – Die Aufwertung des Faschismus im heutigen Italien” geht Jan-Christoph Kitzler dem Wiedererstarken des Faschismus in Italien nach:
Hakenkreuze und andere Nazi-Zeichen sind in der Öffentlichkeit eigentlich verboten, in Italien ebenso wie in Deutschland. Trotzdem macht sich in Italien ein immer stärker werdender Neofaschismus breit. Und das in der Mitte der Gesellschaft.
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
(Mp3)
Wie im The Guardian vom 29. Mai 2010 (Seite 26) zu lesen war, übt die Polizei in Nordirland sich im Erfinden neuer, innovativer Polizeitaktiken. So soll ein Polizist, nachdem sein Fahrzeug von Jugendlichen mit Flaschen angegriffen wurde, über das Lautsprechersystem des Wagens Musik abgespielt haben die typischerweise von Eisverkäufern benutzt wird um den Angriff zu stoppen – mit Erfolg:
The Police Service of Northern Ireland (PSNI) said: “An officer used the vehicle’s tannoy system to play music to the youths in an effort to use humour to defuse the situation. The youths stopped throwing the bottles.”
Allerdings ist nicht jeder begeistert und so wird eine Stadträtin von Sinn Féin mit folgenden Worten zitiert:
The PSNI are put on the streets to do a serious job and that is to keep order on the streets and face down antisocial elements. This is a sick joke. It goes against everything we are trying to solve and eradicate in the area.”
Vergesst Taser, Knüppel, Pfefferspray et cetera – Eisverkäufermelodien sind die neue Wunderwaffe und dazu noch wesentlich sympathischer als die klassischen Instrumente.
Nachdem die Queen am 6. April der Bitte von Premierminister Gordon Browns nachgekommen ist und das britische Unterhaus auflöste steht fest, dass am 6. Mai zusammen mit den Kommunalwahlen auch die Unterhauswahlen in Großbritannien stattfinden. Gleichzeitig startete auch der Wahlkampf, der schon seit längerem auf kleiner Flamme stattfand, in die heiße Phase und, ähnlich wie im letzten Bundestagswahlkampf, spielt diesmal auch das Internet eine wichtig(ere) Rolle. Dabei geht es nicht gerade zimperlich zu, sowohl off- als auch online.
Insbesondere die Tories tun sich in Sachen negative campaigning hervor. Zum Beispiel mit einer Plakatkampagne die den lächelnden Premier neben Slogans wie “Ich habe die nationale Verschuldung verdoppelt, wählt mich” zeigt. Während die Labour Party ein Plakat vorstellte, dass den konservativen Spitzenkandidaten David Cameron auf einem Audi Quattro sitzen zeigt, kombiniert mit der Aussage “Lass ihn nicht Britannien zurück in die 1980er führen”. Allerdings führte dieses Plakat nicht zu den intendierten Reaktionen und wurde stattdessen von den Tories als Vorlage für ein eigenes Plakat benutzt.
Auf MyDavidCameron.com, einer nach eigenen Angaben parteiunabhängigen Seite, wird hingegen zum kreativen Umgestalten der Tory Wahlplakate aufgerufen, ähnlich dem Schäuble Plakat-Remix Wettbewerb bei Netzpolitik anlässlich der letzten Bundestagswahl.
Dass man trotz dieser harten Bandagen auch zu weit gehen kann und dass insbesondere das Internet dabei einige Fallstricke bereithält, musste nun allerdings der schottische Labour Kandidat Stuart MacLennan erfahren. Medienberichten zufolge, hatte er auf seinem Twitteraccount u.a. diverse Beleidungen gegen David Cameron (“t***“), den liberalen Spitzenkandidaten Nick Clegg (“a b******”) sowie gegen diverse weitere Personen des öffentlichen Lebens gepostet.
Aussagen die auf einer Partei- bzw. Wahlkampfveranstaltung wahrscheinlich ohne Konsequenzen geblieben wären, da sie nie das Licht einer größeren Öffentlichkeit erblickt hätten, führten – veröffentlicht auf einer Plattform die aufgrund ihres Charakters zu informellen Äußerungen einlädt – zu einem kleinen Skandal, welcher den Schotten immerhin seine Kandidatur (und wohl auch die weitere politische Karriere) kostete.
Übrigens ist inzwischen sowohl MacLennans Twitteraccount (Google Cache, der letzte Tweet stammt vom 13.04.2010) als auch seine Homepage gelöscht.
Schnee – das unbekannte und gefährliche Wesen. Diesen Eindruck konnte zumindest gewinnen, wer diesen Winter im Vereinigten Königreich verbrachte, inbesondere zwischen Weihnachten und Neujahr. In dieser Zeit schneite es dort nämlich länger als einen Tag – ein offenbar sehr seltenes und durch und durch furchteinflößendes Ereignis. Dies jedenfalls suggerierten die Medienberichte über The Big Freeze. Flughäfen stellten den Betrieb ein und der Eurostar wurde von Kondenswasser ausser Gefecht gesetzt – once again the continent was isolated. Gleichzeitig gingen Streusalzreserven zur Neige und selbst Gas schien knapp zu werden. Kurzum die Medien halluzinierten den baldigen Untergang des Vereinigten Königreichs herbei, weil es plötzlich für eine Woche mal genausoviel schneite wie in Schweden oder Schottland jeden Winter. Wie gut, dass es da Charlie Brooker und seine Sendung Newswipe gibt, welche die gesamte Medienpanik ordentlich auf die Schippe nimmt:
Kultur
- Aufklärer gegen Satanist
Rüdiger Suchsland wirft bei Telepolis einen näheren Blick auf Guy Ritchies “Sherlock Holmes”. Eine lesenswerte Kritik über den Subtext dieses – wie ich finde – gelungenen Films.
Internet & Politik
- Holocaust-Überlebende protestieren gegen iMussolini
Jüngst wurde eine App für das iPhone veröffentlicht, die auf den Namen “iMussolini” hört und diverse Reden des faschistischen Diktators sowie zusätzliches Audio- und Videomaterial enthält. Seit der Freigabe der App für Apples App-Store findet sie in Italien offenbar reisenden Absatz. Wenig verwunderlich, wenn man das eher ungezwungene Verhältnis zum “Duce” bedenkt, dass bis in weite Teile des konservativen Milieus in Italien vorherrscht.
Politik
- A Nation of Racist Dwarves
Christopher Hitchens führt auf Slate.com, unter Berufung auf das Buch “The Cleanest Race: How North Koreans See Themselves and Why It Matters” von B.R. Myers, aus dass Nordkorea im Grunde ein totalitäres Regime ist in dem Rassismus und Nationalismus als ideologischer Kitt ein essenzielle Rolle spielen.
- Gibt es Extremismus? – Anmerkungen aus politischer Perspektive
Netter kleiner Text des sächsischen Landtagsabgeordneten Miro Jennerjahn (Grüne) über den Sinn bzw. eher Unsinn des Extremismusbegriffs / der Extremismustheorie (die mit Eckhard Jesse, Inhaber eines Lehrstuhls an der TU Chemnitz, in Sachsen quasi institutionalisiert wurde) und die fatalen Folgen die hieraus beim Treffen politischer Entscheidungen entstehen.
Politik
- CharityWatch.de
CharityWatch.de ist eine Webseite die kritisch über Wohltätigkeitsorganisationen und deren Umgang mit Spendengeldern berichtet. Ein Bereich der leider von den klassischen Massenmedien bisher sehr wenig beachtet wurde, stattdessen findet sich dort vor allem unkritische Berichterstattung über Wohlfahrtsorganisationen. - Stadt – Land – Rechts – Brauner Alltag in der deutschen Provinz
“Stadt – Land – Rechts” ist die jüngste Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Thema Rechtsradikalismus in Deutschland. In ihr beschäftigen sich diverse Autoren über aktuellen Erscheinungsformen, Strukturen, Strategien der Rechtsradikalen und Gegenstrategien gegen diese.
Videos der Woche
- Charlie Brooker – How To Report The News

Charlie Brooker nimmt in dem kurzen Clip die Präsentationsformen in Nachrichtensendungen auf den Arm und zeigt so, wie mit visuellen Tricks versucht wird inhaltliche Schwächen auszugleichen. - Fighting Talk

Fighting Talk ist eine Reportage von 1993 in der Mensi von den Angelic Upstarts die Geschichte der Antifaschistischen Aktion in England beleuchtet. Auch wenn die Zwischenmoderationen von Mensi doch manchmal etwas arg pathetisch geraten sind, so ist die Doku doch sehenswert.
Die Doku ist in vier Teilen auf YouTube zu finden: Teil 1 – 2 – 3 – 4



